Anarchistische Kontroversen

Übersetzung: Aufstand vs. Organisation. Betrachtungen aus GR über eine sinnlose Spaltung

Vorwort der Übersetzenden
Insurrection vs. Organisation. Reflections from Greece on a Pointless Schism wurde 2007 geschrieben, 2010 erschien der Text erneut in der Broschüre Koukoulofori: stories, lessons and inspiration from the greek anarchist movement, einer sehr lesenswerten Annäherung an das Phänomen der griechischen anarchistischen Bewegung, die spätestens seit der Dezember-Revolte 2008 unter Anarchist_innen weltweit für Verzauberung und Hoffnung Anlass gibt.
Im Grunde geht es um die für viele Anarchist_innen zentrale Frage: Wie kann die anarchistische Bewegung gestärkt werden?
Gelderloos plädiert in diesem Zusammenhang für einen Pluralismus innerhalb der anarchistischen Bewegung, anstatt sich in inneranarchistischen Grabenkämpfen zu verlieren. Der Text spricht damit ein Thema an, das weit über Griechenland oder die USA hinaus von grosser Relevanz für Anarchist_innen aller Couleur ist. Auch im deutschsprachigen Raum werden politische Fragen innerhalb des radikalen Spektrums oft als eine Angelegenheit des «entweder-oder» diskutiert, was nicht selten zu Streit und Spaltung führt. Der Text unternimmt den Versuch, eine Synthese zwischen den vermeintlichen Gegensätzen – insurrektionalistische, informelle Perspektive auf der einen, formelle Organisation auf der anderen Seite – zu finden, ohne dabei die Kritik an beiden Formen zu vernachlässigen bzw. ihre Eigenheiten aufzulösen. Es geht schliesslich weniger darum, einen Konsens herzustellen, als vielmehr die teilweise sehr verschiedenen Ansätze eines anarchistischen Kampfes als unterschiedliche Herangehensweisen zu akzeptieren und darauf aufzubauen.
In vergleichsweise verständlicher Sprache geschrieben, gehört «Aufstand vs. Organisation» zu einer Sorte Text, die in anarchistischen Zirkeln momentan nur wenig Anerkennung zu finden scheint. Im Unterschied zu vielen anderen anarchistischen Schriftwerken widersteht der Text der Versuchung, sich über die Kritik an anderen Positionen zu profilieren, den eigenen Standpunkt über die Ablehnung der Anderen zu definieren. In Zeiten fehlender revolutionärer Perspektiven scheint der Drang nach Abgrenzung, das unbewusste Hochhalten von Worthülsen und das sture Beharren auf den eigenen Konzepten oft stärker zu sein als der Wunsch nach dem kollektiven Erarbeiten von konkreten Strategien für die nahe Zukunft. Wir finden das bedauerlich und möchten dem mit dieser Broschüre etwas entgegen halten.
Die Verbreitung dieses Textes ist denn auch mit dem Aufruf verknüpft, bereits vollzogene Brüche zu hinterfragen, neue zu verhindern und an deren Stelle eine solidarische Kritik der verschiedenen Organisationsformen zu setzen.

Anmerkungen zur Übersetzung: Wir haben eigene Untertitel gesetzt sowie einige Fussnoten hinzugefügt, um die Übersichtlichkeit und Verständlichkeit zu erhöhen. Nach längerer Diskussion haben wir uns zudem dazu entschlossen, den zentralen Begriff der organization bzw. der organizationalists mit Organisationalismus bzw. Organisationalist_innen zu übersetzen, auch wenn diese Begriffe im Deutschen so nicht existieren. Die Wortkonstruktion «organisierte Anarchist_innen» schien uns hierbei zu unpräzise und verwirrend.

 

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