Herr Meyer, schlagen Sie sich das aus dem Kopf!

 

Liebe Freunde und Genoss_innen

2008 holte sich SBB-Meyer in Bellinzona eine blutige Nase, als er auf den entschlossenen Widerstand der Officina-Arbeiter gestossen war. Was für Lehren er aus dieser Erfahrung gezogen hat, weiss nur er selbst. Ob Rachegelüste, ob Unbelehrbarkeit oder eine Mischung von beiden sei dahingestellt. Tatsache ist, dass er erneut massiv provoziert. Die Reaktion der Officina hat nicht auf sich warten lassen. Die Belegschaft ruft mit folgendem Flugblatt (das italienische Original im Anhang) für nächsten Dienstag, 8. November zur Protestkundgebung auf:

 

Herr Meyer, schlagen Sie sich das aus dem Kopf! Sie werden die Officina nicht schliessen!

 

Die SBB-Führung verteilt derzeit einen Text mit dem Titel „Visionen und Erscheinungen im Tessin“. Nach einem Vorwort von Andreas Meyer wird die Geschichte eines fiktiven Gesprächs zwischen einem gewissen Lukas Bergmann und Giuseppe Molo erzählt. Bergmann ist an der Spitze der Schweizer Bahnen und erreicht Bellinzona am Abend des 10. Dezember 2016, dem Vorabend der Eröffnung des Gotthard Basistunnels. Beim Spaziergang durch die menschenleere „Viale Stazione“ trifft er Giuseppe Molo, der von 1877 bis 1905 Bürgermeister von Bellinzona war und eine Schlüsselrolle spielte bei der Ansiedelung jener SBB-Werkstätten, die heute die Officina von Bellinzona sind.

 

In diesem Dialog werden Giuseppe Molo – welcher beschrieben wird als einer, der von grosszügigen Schlucken Grappa inspiriert sei – schwerwiegende Behauptungen in den Mund gelegt: Die Tessiner werden als Leute ohne Initiativgeist dargestellt, die lediglich dazu fähig seien zu jammern, mit einer „Bettlermentalität“ („mentalità da questuanti“). Dies in der ständigen Erwartung, dass die Eliten in der Deutschschweiz eine Lösung für ihre Probleme finden und der Officina neue Aufträge besorgen.

 

Man könnte sich geradezu fragen, ob diese Publikation nicht eine gewisse Form von Rassismus seitens der Eliten im Norden gegenüber der Tessiner Bevölkerung enthalte.

 

Der einzige Zweck dieses Theaterstücks, in welchem ein gegenwärtiger, visionärer und weitsichtiger SBB-Manager (selbstverständlich in der Absicht des Auftragsgebers dieses Werkes) ein Gespräch mit einem verstorbenen Bürgermeister führt, besteht darin, unter den Tessinern den Gedanken reifen zu lassen, dass die Officina von Bellinzona verschwinden müsse.

 

Dabei fehlt es sogar am Mut, dies offen auszusprechen. Stattdessen lässt man lieber die Toten sprechen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Meyer hat die Abgeordneten des Tessiner Kantonsparlamentes für den 8. November um 18.00 Uhr zu einem Treffen eingeladen, um seine Visionen zu präsentieren.

 

Lieber Herr Andreas Meyer, statt Geld (nicht das eigene!) für unnütze und provokatorische Erzählungen auszugeben, wäre es an der Zeit, die mit den Arbeitern der Officina unterzeichneten Abkommen einzuhalten.

 

Arbeit nicht Provokationen!

 

Unsererseits rufen wir auf zur

Protestkundgebung am Dienstag, 8. November, 17.45 Uhr, Bahnhof Bellinzona

 

Um eine Vorstellung zu bekommen, was für Sätze der Auftragsschreiber Hanspeter Gschwend seinen Protagonisten in diesem skurrilen Theaterstück in den Mund legt, habe ich einige Ausschnitte aus dem Italienischen zurück ins Deutsche übersetzt:

 

„Und falls derjenige, der vom Bahnhof kommt, in der Absicht ins Stadtzentrum zu gelangen, sich irrtümlich nach rechts statt nach links wendet, wird er nach wenigen Schritten innehalten. Er wird sich vor dem Gelände der Officina mit ihren anderthalb Jahrhunderte zurückliegenden Industriegebäuden befinden. Die Stadt hat eine völlig asymmetrische Entwicklung durchgemacht: links das attraktive historische Zentrum (…) und rechts Industriehallen, Lagerstätten und anonyme Peripherie. Dennoch gibt es Studien, die beweisen, dass Bellinzona mehr als andere von der neuen Eisenbahnverbindung profitieren kann.“

 

„Ich bin lediglich ein Mann aus anderen Zeiten, als die Tätigkeiten in der Officina in der Lage waren, Tausenden von Arbeitern eine Ausbildung zu bieten sowie die Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen. (…) Heutzutage muss sich all das nochmals ereignen, aber auf der Ebene von Dienstleistungen, Wissenschaft und Technologie, zum Beispiel Bahntechnologie…“

 

„Die Officina wird nun einzig und allein dann eine Zukunft mit neuen Aufträgen haben. Auch wir benötigen, wie das Tessin selbst, eine Unterhalts- und Reparaturwerkstatt. Aber die Frage ist: muss es unbedingt in Bellinzona sein? Oder könnte sie auch anderswo (…) stehen? (…) Warum sollte Bellinzona nicht ein neues, pulsierendes Bahnquartier erhalten, gleichrangig mit Zürich, Genf oder Basel?“

 

„Zu meiner Zeit musste man im Namen der Industrie die Gärten opfern, und heutzutage muss die Industrie zurückweichen, um Platz zu schaffen für ein modernes Stadtzentrum mit Wohnungen in unmittelbarer Bahnhofsnähe sowie Einkaufsgeschäften, Büros, Handel und Dienstleistungen, alles hier in der Nähe. (…) So werden die Reisenden, die ankommen, nicht mehr unangenehm überrascht sein von einer Stadt mit einer asymmetrischen Entwicklung, sondern sich über das blühende, pulsierende Leben sowohl rechts als auch links vom Bahnhof wundern.“

 

„Wenn wir nicht die Nutzung des Geländes der Officina erneuern, wird diese unweigerlich zu einem Armstumpf der Industrie werden.“

 

Soweit die Zitate, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen. Im Anhang das vollständige Dokument in italienischer Sprache. Wer sich an meinen Markierungen stört, hier der Link zum Original: www.cdt.ch/ticino/cantone/165461/quell-opuscolo-ffs-che-offende-i-ticinesi.

 

Giù le mani dall’Officina! Giù le mani dalle fabbriche! Hände weg von der Officina! Hände weg von den Fabriken!

 

In diesem Sinne

Herzlich

Rainer

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